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Stillen in der Öffentlichkeit

Gestern morgen surfe ich nichts ahnend auf 20min.ch und stosse auf folgenden Artikel. 

Neugierig beginne ich zu lesen.  Mmmh. Es handelt sich dabei um die 24 – Jährige Sabine, die offenbar recht verklemmt den offenbar noch viel verklemmteren Dr. Sex um Rate bittet. Thema ist Stillen in der Öffentlichkeit. Ausschnitt aus dem Artikel: Neulich bin ich an einem privaten Anlass einer Frau begegnet, die vor kurzem Mutter geworden ist. Wie das halt so ist, hatte ihr Kind irgendwann Hunger und wurde auch gestillt – direkt am Esstisch. Mir war das total peinlich und ich musste wegschauen.

So weit, so gut! Okay, Sabine gehört wohl nicht der offenen 70-er-Jahre-Kultur an; macht ja auch nichts. Sie holt sich wenigstens Rat und spricht darüber, denke ich mir dabei. Ich finds okay, wenn man mit etwas nicht einverstanden ist, das akzeptiert und sich auch nicht mehr weiter damit beschäftigt. Schliesslich finde ich das Verhalten von Besoffenen auch nicht prickelnd, nehme es aber zur Kenntnis, und schaue dann auch weg, weil ich mich wirklich nicht mit einem solchen Thema auseinander setzen möchte. Das Selbe gilt doch zum Beispiel beim Stillen. Eine Frau packt ihre Brüste aus, damit ihr Kind essen kann. Mal davon abgesehen das Essen das Natürlichste der Welt ist, (natürlich neben der Wiederausscheidung dessen), habe ich als junge stillende Mutter noch nie Menschen dazu gezwungen auf meine Brüste zu starren. Ich kenne auch keine stillende Mama, die andere darum bittet zu schauen! Ich trage auch keine blinkenden Schilder um den Hals auf denen WATCH IT! steht. Im Normalfall führe ich ganz einfach die meinige Brustwarze zum Mund des Babies, welches diese dankbar entgegen nimmt, um zu überleben. Mehr nicht.

Das Köpfchen verdeckt wohl in den allermeisten Fällen, das Meisteste, was uns jeden Tag auf dutzenden Plakaten, Werbevideos und natürlich in pornografischen Filmen entgegen winkt. Diskreterweise kann man mit einem “Noschi” (wenn vorhanden!) ein wenig bedecken was die Gemüter (und auch sonstige körperliche Regionen) ach so Verklemmter Zeitgenossen erhitzt.  Ich nehme an dass es die Mutter in diesem Beispiel genau so oder ähnlich gemacht hat.

Nun ja, hoffe ich auf psychologisch wertvollen Rat eines Dr. Sex, der ja als Sexualpädagoge dazu beitragen soll, das man mit sich und seiner Sexualität ins Reine kommt, oder zumindest auf dem Weg dazu ist. Und da trifft mich fast der Schlag. Der Dr. Sex spricht von Unsensibilität der Mutter und sogar Worte wie Rücksichtslosigkeit werden einem in diesem Artikel entgegen geschleudert. Ich denke ich bin im falschen Film. Es hat schon unglaublich viel Rücksichtsloses an sich, wenn man seinen Nachwuchs füttert. Und egoistisch ist es auch! Es ist offensichtlich, dass Herr Dr. Sex keine Kinder hat, (oder solche, die nur in den eigenen vier Wänden bei Dunkelheit gestillt wurden). Ich hätte mir schon ein fachlich etwas kompetentere Antwort gewünscht. Er muss auch nicht PRO-STILLEN sein, hat keiner erwartet. Aber etwas wie, es ist okay, dass man sich auch man von Dingen abwendet, die einen peinlich berühren, bis zu es ist normal das nackte Haut im Menschen etwas auslöst o.ä. Das aber ein Sexualberater (!) nun stillenden Müttern Unsensibiliät und Rücksichtslosigkeit vorwirft, während man als liebende Mutter das eigene Kind ernähren möchte, gibt mir  zu denken. Ich möchte gar nicht wissen wie Herr Dr. Sex reagiert, wenn jemand ein ernsthaftes sexuelles Problem hat. Ausserdem frage ich mich gerade was diese Angelegenheit in der Sparte Sexualität zu suchen hat? Ist wohl doch eher was für die Sparte Mensch und Umwelt.

Ich komme mir vor wie im prüden heuchlerischen Amerika. Pornokonsument Nummer Eins, aber eine Frau, die ihr Baby in der Öffentlichkeit (oh ja auch draussen haben Kinder hunger) stillt, ist ekelerregend. Unnatürlich. Egoistisch. Rücksichtslos. Daneben. Sollte sich wohl daheim verkriechen bis das Kleine gross genug ist Gabel und Messer zu benutzen. Wenn Brüste ihren natürlichen Zweck erfüllen, weshalb kommt da Hinz und Kunz vorbei und zeigt mit dem Finger auf diese Mutter und empört sich? Wenn 16-Jährige junge Girlies Ihre Brüste der breiten Masse zugänglich machen, wieso schaut dann oft genau der Typ Mann (mit einem Halbharten in der Hose) hin, der sich über die Stillende entsetzt? What’s wrong with you guys?  

Über Frauen, die sich ab nackten Brüsten entsetzen (jawohl, diese gab es auch gemäss der 20Minuten-Kommentar-Auflistung) weiss ich gerade gar nichts zu sagen. Ausser das da wohl das Thema eigener Körper und Sexualität nicht im Reinen ist. Klar ist dieses Thema ein Wespennest. Das jedoch Fachmänner so reagieren, hätte ich wirklich nicht gedacht. Für mich ist das Stillen so sehr natürlich. War es schon immer; auch als ich noch nicht Mama war und stillte. Es muss wirklich keiner schauen, wenn er nicht will. Liegt’s an mir oder hat irgendwer da draussen auch gar kein Verständnis für Menschen, die vorschlagen man solle sein Kind in der Öffentlichkeit auf der Toilette stillen gehen? Um Antwort wird gebeten. Ich verziehe mich mal. Es riecht mir hier zu sehr nach Doppelmoral. Und ja meine Kleine hat Hunger. Bin dann mal glücklich am Stillen ;). 

6 Comments

  • Reply bruno wermuth 30/05/2013 at 22:55

    Liebe 20 Minuten Leserin
    Lieber 20 Minuten Leser

    Danke fr Ihre kritische Rckmeldung zu meinem Artikel Mich irritiert ffentliches Stillen! in der 20 Minuten Ausgabe vom 28. Mai 2012. Der Beitrag scheint die Gemter bewegt zu haben. Jedenfalls waren die meisten der zahlreichen Wortmeldungen ziemlich emotional, manche davon sogar an der Grenze zur Beleidigung.

    Viele Kommentar- und Leserbriefschreiberinnen – der grsste Teil davon waren Frauen – unterstellen mir, gegen das Stillen in der ffentlichkeit zu sein und diese Haltung im Artikel zum Ausdruck zu bringen.

    Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin nicht gegen das Stillen – weder in der ffentlichkeit noch anderswo. Im Gegenteil: Stillen ist sinnvoll und wnschenswert, wie die vielen Untersuchungen und besonders die persnlichen Erfahrungen von stillenden Mttern zeigen. Jedoch bin ich ber gewisse Auswchse, die ich im Zusammenhang damit beobachte etwas irritiert. Und diese – zugegeben persnliche Haltung, ist in meine Beratung in Form eines Denkanstosses eingeflossen. Weil Beratung aber nicht eine neutrale Form der Berichterstattung ist, sondern ein Dialog zwischen Menschen, drfen – und sollen – solch persnliche Aspekte auch sichtbar werden.

    Wer meinen Text genau liest ( http://www.20min.ch/leben/dossier/herzsex/story/-Mich-irritiert-oeffentliches-Stillen–21551940 ) kann unschwer feststellen, dass es darin um die Art und Weise geht, WIE und WO gestillt wird und dass gewisse Formen des Stillens – demonstratives zur Schau stellen nmlich – zumindest fragwrdig sind und im Umfeld Reaktionen bewirken knnen. Und dass das Stillen an gewissen Orten entsprechendes Feingefhl erfordert, welches – meine Meinung – manchen Eltern im ffentlichen Umgang damit (und mit dem Wickeln) etwas abhanden gekommen zu sein scheint.

    Auch wenn Stillen die natrlichste Sache der Welt ist, wie viele Leserbriefschreiberinnen erwhnen, sollte dieses in in einer Art stattfinden, die allen Beteiligten gerecht wird: Den Kindern, die froh sind, wenn die Nahrungsaufnahme in einem geschtzten und ruhigen Rahmen stattfindet. Den Mttern, die nicht gestrt werden wollen, damit sie sich ganz dem Kind widmen knnen. Und schliesslich noch allen Personen, die dem Akt mehr oder weniger freiwillig beiwohnen und die dankbar sind, wenn ihrem Bedrfnis nach Diskretion und Intimitt ebenfalls Rechnung getragen wird.

    Mit den Worten des englischen Philosophen John Stuart Mill: Die Freiheit des Einzelnen hrt da auf, wo die Freiheit des Anderen anfngt.

    In diesem Sinne grsse ich Sie freundlich

    Bruno Wermuth

    Bruno Wermuth
    Redaktor | Sexualberater Doktor Sex

  • Mama Leone
    Reply Mama Leone 30/05/2013 at 23:04

    Lieber Herr Wermuth

    Ich finde die Tatsache, dass Sie oder andere Mnner / Menschen davon ausgehen eine Frau wrde absichtlich provozieren, wenn sie ihr Kind versorgt irgendwie extrem amsant. Irgendwie krass. Die Menschheit ist sexuell total am Abstumpfen, berall nackte Haut und Porno-Overdose. Aber wenn im echten Leben jemand mal eine Brust sieht ist das ein merkwrdiges Gefhl. Mmmh. Das kanns doch nicht sein. Ich fhle mit Ihnen, das man nicht stundenlang die Brustwarzen anderen ins Gesicht strecken soll, aber die Kiddies haben dann Hunger wenn sie Hunger haben. Ohne Rcksicht auf Gaffer, die das verurteilen. Klar soll man sich etwas bedecken, wenn mglich, aber das kommt doch nun auch jeder Frau in den Sinn. Nicht? Ich denke nicht, dass es Frauen gibt, die mit dem Gedankengut aufstehen: JAWOHL HEUTE ZEIG ICH MAL ALLEN MEINE TITTEN! Und dann so losziehen, in der Hoffnung das der Kleine auch ja Hunger hat an der Bushaltestelle. Schade, dass die Menschheit so verklemmt ist. Es wre doch fr viele mal wieder eine wunderbare Gelegenheit volle Brste anzuschauen :). Also ich dachte immer dass die Mnner das mgen :). Meiner mag sie auf jeden Fall.

    Ich wnsche Ihnen alles Gute und hoffe auf etwas feinfhligere Artikel, da ich mir wirklich vorstellen kann, dass sich etwas unsicherere Frauen durch solche Artikel eingeschchtert fhlen und das Stillen nicht mehr ohne gutes Gefhl in der ffentlichkeit machen knnten, was sehr schade wre.

    Herzliche Grsse
    Mama Leone

  • Reply Shigo 05/06/2013 at 07:51

    Wie traurig, dass das berhaupt ein Thema ist… das natrlichste auf der Welt in Frage zu stellen ist doch echt total krank!

  • Reply Rike 01/07/2013 at 20:44

    Hallo!
    Ich bin ganz deiner meinung! Wenn man schon liest mutter und kind sollen sich am besten an einen ruhigen art verstecken…. Klingt wie wegsperren bis das baby auf feste nahrung umgestellt
    Ist. Und es ist so, stillt man in der ffentlichkeit wird man angestarrt als drehe man nen porno. Und nochmal und nochmal wird geguckt.
    Und dabei ist es doch wirklich das normalste von der welt.
    Mir ist es nun egal (2. mal mama). Ich mach mir keinen stress mehr und verkriech mich im auto oder sonstwo wenn ich unterwegs bin.
    Du hast eigentlich alles zum thema gesagt!! Und du schreibst herrlich!! DANKE

    • Mama Leone
      Reply Mama Leone 05/07/2013 at 04:02

      Liebe Rike, danke fr deinen ehrlichen Kommentar :)! Ich sehe das genau so. DU hast so recht. Ich will und werd mich nicht mehr unwohl fhlen oder irgendwie mich stressen lassen, von komischen Leuten, die das Stillen als Skandal bewerten! NEIN DANKE. Ich stille wo ich stille, genau da wo die Babies ja Hunger haben, und das ist auch gut so. Vielen Dank fr dein Kompliment!

  • Reply Andrea Mordasini, Bern 17/11/2013 at 21:37

    Dass man in der heutigen modernen und scheinbar fortschrittlichen Zeit berhaupt ber so was Normales, Natrliches, Gesundes und Selbstverstndliches wie das (ffentliche) Stillen diskutieren muss, kann ich als Mutter zweier Kinder (6,5 und 5) nicht verstehen. In was fr einem verknorzten Zeitalter und einer verklemmten Gesellschaft leben wir eigentlich, dass ber das Stillen so ein Theater und Aufsehen gemacht wird! Solange sich die Mutter gesund und ausgewogen ernhrt und whrend der Stillzeit mglichst auf Nikotin, Alkohol und blhende Speisen verzichtet, ist Muttermilch fr das Baby/Kleinkind das Gesndeste und Beste. Zudem macht ein Kleinkind ja nichts anderes als wir Erwachsene auch es stillt ein Grundbedrfnis, es isst und trinkt, und wie wir eben auch, ab und zu auswrts, im Restaurant oder sonst wo Einfach traurig und tragisch, dass stillende Babies/Kleinkinder nach wie vor in einigen Restaurants und sonstigen ffentlichen Institutionen nicht willkommen sind :(. Gegen Flaschenkinder hat doch zum Glck auch niemand etwas einzuwenden, oder?! Die vielen teils sehr aggressiven und beleidigenden Anti-Still-Postings auf http://www.20minuten.ch zu diesem Thema machen mich wtend und sprechen Bnde. Und Vergleiche des Stillens mit Rlpsen, Furzen oder gar Sex hinken und sind daneben. Beim Stillen handelt es sich um ein Grundbedrfnis, der berlebensnotwendigen Nahrungsaufnahme wie normales Essen und Trinken auch. Und gengend Essen ist ein Menschenrecht! Und wegen zu wenig Sex ist auch noch nie jemand gestorben Was bitte soll also an einem friedlich stillenden, also trinkenden/essenden Kleinkind schon so strend, schlimm, pervers und falsch sein? Stillen ist doch weder kriminell noch anrchig, und verboten schon gar nicht! Mir sind ehrlich gesagt 10 friedliche Stillkinder im Restaurant 100 Mal lieber als ein einziger, schmatzender, rlpsender und besoffener Zechpreller. Zudem: auf Werbeplakaten, in Modekatalogen und in Filmen sieht man in der Regel viel mehr nackte Haut/Busen als beim Stillen Doppelmoral lsst grssen Wozu also dieser Aufschrei? Ich habe brigens noch nie eine provokativ stillende Mutter mit gnzlich entblsster Brust gesehen. Die meisten tun dies ja eh mglichst diskret und so, dass sich das Stillkind nicht gestrt und abgelenkt fhlt. Zudem bedeckt der Babykopf mehr oder weniger der ganze Busen ;). Wozu also dieser ganze, vllig unntige Aufschrei?! Mtter, die sich genieren auswrts zu stillen, tun dies eben nur zu Hause oder in einem fr sie geeigneten, geschtzten Rahmen bzw. geben ihren Kleinen die zuvor zu Hause abgepumpte Milch auswrts im Flschchen. Und (prde) Menschen, die sich tatschlich ab einem Stillkind gestrt fhlen und sich darob ekeln, haben wohl am ehesten ein Problem mit sich selber und sollen doch einfach weg- statt hinsehen oder am besten gleich zu Hause bleiben und nicht umgekehrt! So einfach geht das ;). Mit etwas mehr gegenseitigem Leben und leben lassen, weniger Vorurteilen und Anfeindungen, dafr gesundem Menschenverstand, Toleranz, Rcksicht, Verstndnis und Respekt wre das leidige Stillthema gelst und somit vom Tisch und die Diskussionen darber berflssig :)!